Psychotherapie weiterhin in finanzieller Gefahr

Paul Knoblach unterstützt Studierende bei Kundgebung in Bamberg

Demonstration Psychotherapie in Gefahr in Bamberg
Foto: Stefan Werner | Demonstration Psychotherapie in Gefahr in Bamberg

In Bayern gibt es massiven Widerstand gegen die von den Krankenkassen geplanten Kürzungen bei Honoraren für Psychotherapeuten. Vertreterinnen und Vertreter des Berufsstands haben deshalb in den letzten Wochen zu Demonstrationen aufgerufen, zuletzt auch in Bamberg. „Dass ausgerechnet bei der schon jetzt am schlechtesten bezahlten Fachgruppe gekürzt werden soll, ist ein völlig falsches Signal“, sagte Paul Knoblach (Bündnis 90/Die Grünen) bei der Kundgebung in Bamberg. Der Schweinfurter Landtagsabgeordnete war als Mitglied des Gesundheitsausschusses von der Studierendenvertretung der Psychotherapeutenkammer Bayern eingeladen worden.

Die Rede von Paul Knoblach im Wortlaut:

Liebe Studierende, liebe Mitstreiter*innen, wir stehen heute hier, weil etwas ganz Grundlegendes auf dem Spiel steht: Menschen in psychischen Krisen bekommen oft nicht rechtzeitig Hilfe – oder auch gar keine. Menschen mit psychischen Erkrankungen fallen durchs Raster und nicht selten endet das vergebliche Warten auf Therapie in Leid, das vermeidbar wäre.

Sehen wir der Realität ins Auge: Menschen warten monatelang auf Therapieplätze, Kinder und Jugendliche bleiben ohne Hilfe, Krisen werden chronisch, weil niemand rechtzeitig da ist. Aber psychische Gesundheit darf kein Luxus sein, ein Therapieplatz darf kein Privileg sein, Versorgung darf nicht vom eigenen Portemonnaie abhängen!

Als wären die Probleme nicht bereits groß genug, kam nun die Vergütungskürzung um 4,5 % für Psychotherapeut*innen – ein völlig falsches und untragbares Signal. Während der Bedarf an Psychotherapieplätzen seit Jahren steigt und gleichzeitig Fachkräfte fehlen, werden ausgerechnet diejenigen finanziell unter Druck gesetzt, die eine zentrale Rolle in der Versorgung psychisch erkrankter Menschen – und ihrer Angehörigen – spielen.

Wer hier kurzfristig spart, nimmt nicht nur menschliches Leid in Kauf, sondern produziert am Ende auch enorme gesellschaftliche Folgekosten durch Erwerbsausfälle, soziale Krisen und fehlende Teilhabe. Kurz gesagt: Diese Kürzung ist gesundheitspolitisch falsch, gesellschaftlich riskant und wirtschaftlich kurzsichtig.

Und gleichzeitig stehen so viele hochqualifizierte Absolvent*innen bereit – und stoßen ins Leere. Währenddessen passiert das Entscheidende im Leben, draußen, im echten Leben: Betroffene und ihre Angehörigen leiden und bekommen keine Hilfe. Das ist kein Zufall. Das ist ein politisches Versäumnis. Seit Jahren ist doch klar, was passieren muss. Ja, die Reform der Psychotherapeutenausbildung war richtig, sie war überfällig. Aber sie ist unvollständig geblieben, denn ein zentraler Punkt wurde nicht gelöst: die Finanzierung der Weiterbildung.

Und genau daran hängt jetzt alles. Die Fachverbände warnen, die Kammern sagen es, und Ihr, die Studierenden und Absolvent*innen seid heute hier, um laut zu werden und endlich gehört zu werden. Die Rechnung ist ja nicht schwer: Keine Weiterbildungsplätze bedeutet kein Nachwuchs, kein Nachwuchs bedeutet keine Versorgung, keine Versorgung bedeutet mehr Leid, längere Krankheitsverläufe und am Ende auch höhere gesellschaftliche Kosten.

Es geht aber um noch viel mehr. Es geht hier um Menschen. Wer keinen Therapieplatz bekommt, verliert nicht nur Zeit, sondern Hoffnung, Stabilität, Arbeitsfähigkeit, Teilhabe und den Mut, weiterzumachen. Als Gesellschaft verlieren wir etwas viel Größeres: soziale Gerechtigkeit. Und Menschlichkeit. Und genau deshalb ist das hier auch eine demokratische Frage. Denn eine Demokratie funktioniert nur, wenn Teilhabe möglich bleibt, wenn niemand durchs Raster fällt, wenn Menschen gesehen werden.

Es ist unglaublich wichtig, dass Menschen wie Sie diesen Beruf ergreifen wollen. Es geht dabei nicht nur um Ihre berufliche Zukunft und Ihre Existenz, sondern um die Versorgung und das Leben vieler anderer Menschen. Und genau deshalb bleibt die Frage so drängend: Wann wird endlich gesehen und ernst genommen, welche Verantwortung Sie hier schon heute tragen – und was es für unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft bedeutet, wenn wir Sie auf diesem Weg weiter allein lassen?

Ich sage es nicht nur hier und nicht nur heute laut und deutlich: Ohne Weiterbildung keine Versorgung! Ohne Versorgung keine Teilhabe! Und ohne Teilhabe keine starke Demokratie! Ich bin mit Ihnen hier, weil wir das nicht akzeptieren. Und wir werden nicht leiser werden, bis sich das ändert!“

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