Schweinfurt – „Der Wohnungsmarkt funktioniert nicht mehr“. Dieses ernüchternde Fazit hat Paul Knoblach beim aktuellen Brennpunktgespräch zum Thema Wohnen gezogen. Gemeinsam mit Dominik Ebert, Vorstandsmitglied im genossenschaftlichen Bauverein, und Jochen Keßler-Rosa, bis 2022 Schweinfurter Diakoniechef und aktuell Sprecher der lokalen Agenda 2030, diskutierte der grüne Landtagsabgeordnete fast zwei Stunden lang mit Schweinfurter Bürgerinnen und Bürgern im Oberndorfer Feuerwehrhaus zur Frage „Wohnen – lebenswert und bezahlbar?“.
Keßler-Rosa dankte Knoblach ausdrücklich zur Themenwahl, weil „Wohnen wie die Pflege trotz seiner Bedeutung nicht auf der Tagesordnung steht, Wohnen wird als Privatsache gesehen“, bedauerte er. In Schweinfurt habe man das durch das von ihm und anderen 2019 angestoßene Bürgerbegehren „Bezahlbaren Wohnraum schaffen“ erreicht. Nach der Zusage von Stadt und Tochter SWG, bis 2026 rund 500 Sozialwohnungen durch einen Mix aus der Verlängerung der Bindefrist von bestehenden Sozialwohnungen, der Modernisierung und durch Neubauten zu schaffen, hatte die Initiative das Bürgerbegehren auf Eis gelegt. Mit dem geplanten Neubauprojekt der SWG auf dem Areal Am Herroth im Stadtteil Bergl wäre die Zahl der geforderten 600 bezahlbarer Wohnungen erreicht.
Dass das dennoch bei weitem nicht ausreicht, machte Bauvereinsvorstand Ebert mit der Aussage fest, dass „es wegen des Mangels an Angeboten auf dem Wohnungsmarkt tendenziell kaum mehr Wohnungswechsel und Fluktuation gibt“. Es müsste also mehr gebaut werden, aber das ist derzeit vor allem eine Geldfrage. „Neubau ohne Fördermittel lohnt nicht“, erklärte Ebert, der als Kernaufgabe des Bauvereins eher die energetische Sanierung des Bestandes nannte.
Knoblach bedauerte, dass trotz Bemühungen der Politik auch im Freistaat das Angebot an bezahlbarem Wohnraum der Nachfrage hinterherhinkt. Er verwies hierzu auf die vom Verband der bayerischen Wohnungswirtschaft aktuell genannte Zahl, wonach im Freistaat rund 200 000 bezahlbare Wohnungen fehlten. Da die derzeit fehlenden Fördermitteln das Wohnungsproblem wohl nicht lösen, müsse wieder mehr privates Kapital fließen.
Am meisten gewonnen wäre, da war sich die lebendige Runde einig, die „konsequente Reduzierung von Bauvorschriften und Standards“. Und schließlich müsse sich der Denkmalschutz wieder auf seine Kernkompetenz beschränken, wie es der grüne Stadtrat Reginhard von Hirschhausen formulierte. Die geplante neue Gartenstadt sei jedenfalls am „falsch verstandenen Denkmalschutz“ gescheitert, konstatierte von Hirschhausen. Der Bauverein hatte im Stadtteil den immer wieder geforderten Mix aller Wohnformen geplant. Jetzt liegt dieses Areal weitgehend brach, was Ebert die Sinnhaftigkeit für den unbedingten Gebäudeerhalt 100 Jahre alter Häuser hinterfragen ließ. Knoblach zum Abschluss: „Es muss gebaut werden, das aber mit Augenmaß, Nachverdichtung statt Flächenfraß, bei dem Bayern bundesweit leider einen Spitzenplatz einnimmt“. Der Abgeordnete kündigte parlamentarische Anfragen zum Denkmalschutz und der Wohnbauförderung an.
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